Als Wahnsinn (oder VerrĂŒcktheit) wurden in der Geschichte des Abendlandes bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte Verhaltens- oder Denkmuster bezeichnet, die nicht der akzeptierten sozialen Norm entsprachen. Dabei bestimmten stets gesellschaftliche Konventionen, was jeweils genau als âWahnsinnâ verstanden wurde: Der Begriff konnte dabei fĂŒr bloĂe Abweichungen von den Konventionen (vgl. lat. delirare aus de lira ire, ursprĂŒnglich landwirtschaftlich âvon der geraden Furche abweichen, aus der Spur geratenâ), fĂŒr geistige Störungen, bei denen ein Mensch bei vergleichsweise normaler Verstandesfunktion an krankhaften Einbildungen litt, bis hin zur Kennzeichnung völlig bizarrer und (selbst-)zerstörerischer Handlungen verwendet werden. Auch Krankheitssymptome, wie etwa jene der Epilepsie oder eines SchĂ€del-Hirn-Traumas, wurden zeitweilig als Wahnsinn bezeichnet.
Da der Begriff des âWahnsinnsâ in Europa historisch zum einen in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wurde, er zum anderen rĂŒckblickend auf verschiedene PhĂ€nomene angewendet wird, ist er ein medizin- und kulturgeschichtlich nur schwer eingrenzbares, kaum zu definierendes und zum Teil widersprĂŒchliches PhĂ€nomen. Welche Normabweichungen noch als âVerschrobenheitâ akzeptiert wurden und welche bereits als âverrĂŒcktâ galten, konnte sich abhĂ€ngig von Region, Zeit und sozialen Gegebenheiten erheblich unterscheiden. Daher lassen sich moderne Krankheitskriterien und -bezeichnungen in der Regel nicht auf die historischen AusprĂ€gungen von Wahnsinn anwenden.
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Bearbeiten Wortgeschichte
Das Wort âWahnsinnâ ist eine RĂŒckbildung des 18. Jahrhunderts aus dem Adjektiv âwahnsinnigâ, das schon im 15. Jahrhundert nachweisbar ist. Vorbild war das Wort âwahnwitzigâ, welches auf das althochdeutsche wanwizzi zurĂŒckgeht. Dabei meint das althochdeutsche wan (ie. *(e)uÉ-no âleerâ) ursprĂŒnglich âleer, mangelhaftâ (vgl. lat. vanus, engl. waning). âWahnwitzâ bzw. âWahnsinnâ bedeuteten also in etwa âohne Sinn und Verstandâ. Dadurch, dass wan und Wahn (ahd. wĂąn âHoffnung, Glaube, Erwartungâ)[1] sprachgeschichtlich zusammengefallen sind, haben sich die Bedeutungen gegenseitig beeinflusst: âWahnâ wurde zur falschen, eingebildeten Hoffnung, der alte Wortbestandteil wan wird heute als das etymologisch nicht verwandte âWahnâ wahrgenommen.
Das Althochdeutsche kennt drei Substantive, die markante ZustĂ€nde der VerstandestrĂŒbung und des Wahnsinns beschreiben: sinnelĆsÄ, tobunga und unsinnigÄ«. Diesen Begriffen ist eventuell noch das pathologische uuotnissa zur Seite zu stellen, es ĂŒbersetzt das lateinische dementia. Die Bedeutung von âWahnsinn durch Besessenheitâ hat unuuizzi. All diese Begriffe tragen ihren Ursprung im Lateinischen (dementia, alienatio und insipienta) und sind nur sehr schwer voneinander abzugrenzen.
Im Mittelhochdeutschen gibt es eine ganze Reihe anderer Begriffe, um Wahnsinn(ige) zu bezeichnen; zuerst einmal tĂŽr und narre, aber auch ein groĂes Wortfeld mit Komposita der Stammsilbe sin(n), wie zum Beispiel unsin, unsinheit, unsinne, unsinnec, unsinnecheit, unsinneclĂźchen und unsinnen. Dazu kommen noch die bereits erwĂ€hnten Komposita der Stammsilbe wan wie wanwiz, wanwizze und wanwitzic und Komposita der Stammsilbe toben wie Tobesuht, tobesite, toben, tobesĂŒhtig und tobic oder auch töbic. Bei Hartmann von Aue finden sich noch hirnsĂŒhte und hirnwĂŒetecheit.
Synonym gebrauchte Begriffe sind âVerrĂŒcktheitâ und âIrrsinnâ (âIrre-Seinâ). Historisch wurde der Begriff auch in der Fachsprache der Psychopathologie verwendet, bis er im 19. Jahrhundert durch den Terminus âGeisteskrankheitâ abgelöst wurde. Als Krankheitsbezeichnung wird er in den Wissenschaften heute jedoch nicht mehr gebraucht.
Heute werden die Wörter âWahnsinnâ und âwahnsinnigâ im allgemeinen Sprachgebrauch neben ihrer alten Bedeutung auch im ĂŒbertragenen Sinn sowohl in positiver als auch in negativer Weise zur Bezeichnung auĂergewöhnlicher, extremer ZustĂ€nde benutzt.
Bearbeiten Zeichen des Wahnsinns â âSymptomeâ
Da die Formen des PhĂ€nomens âWahnsinnâ sehr vielfĂ€ltig sind, können die Interpretationen dessen, was als Symptom dieses Zustands anzusehen ist, sehr unterschiedlich ausfallen. In jedem Fall bewegen sich die Verhaltensweisen und Ausdrucksformen der Wahnsinnigen in bestimmter Weise auĂerhalb der Norm. Die Betroffenen sind damit aus der Mitte ihrer sozialen Umwelt â im buchstĂ€blichen Sinne â "ver-rĂŒckt".
HĂ€ufig Ă€uĂert sich Wahnsinn durch einen Kontrollverlust ĂŒber die Affekte, so dass GefĂŒhle ungehemmt gezeigt und ausgelebt werden. Das Verhalten bewegt sich auĂerhalb der Vernunft, die Folgen des eigenen Tuns fĂŒr sich und andere werden nicht mehr bedacht. Handlungen können objektiv sinn- und zwecklos sein oder aber rein triebgesteuert. Hinzu kann der Ausfall einzelner kognitiver Fertigkeiten treten. Der Unterschied zwischen der inneren und der Ă€uĂeren Wirklichkeit wird gegebenenfalls nicht mehr erkannt. Die Wahrnehmung der RealitĂ€t ist gestört. Beispiele fĂŒr die daraus resultierenden katastrophalen Folgen finden sich bereits in der antiken Mythologie: Herkules tötet im Wahnsinn seine Kinder, Ajax metzelt die Schafherde des Odysseus nieder und stĂŒrzt sich ins eigene Schwert, der edonische König Lykurg trennt sich selbst die Beine ab, Medea erdolcht ihre Söhne und Melampus kastriert sich mit tödlichem Ausgang selbst.
Die von AuĂenstehenden wahrnehmbaren konkreten AusprĂ€gungen des Wahnsinns bewegen sich in einem breiten Spannungsfeld zwischen höchst gesteigerter AktivitĂ€t und katatonem Stupor. Bei ersterem Extrem können manisches und agitiertes Handeln bestimmend sein, im anderen Extrem depressives oder teilnahmsloses DahindĂ€mmern. Als oftmals kennzeichnend fĂŒr die gestörte KommunikationsfĂ€higkeit der Betroffenen kann auch der Aspekt einer Reduktion der sprachlichen ĂuĂerungen gesehen werden (Kindersprache: repetitive Wiederholung von Satzteilen, Lautmalerei, Reduplikation, Kinderreime oder -lieder).
Bearbeiten Bildliche Darstellungen
Darstellungen des Wahnsinns in Kunst und Literatur können einen Eindruck davon vermitteln, welche symptomatischen AusprĂ€gungen in frĂŒheren Zeiten unter âWahnsinnâ verstanden wurden. NatĂŒrlich handelt es sich dabei um Quellen, die mit besonderer Vorsicht verwendet werden mĂŒssen. Zwar kann eine Ikonographie des Wahnsinns nur auf Grundlage eines Fundus der bereits vorhandenen Vorstellungen seiner Erscheinungsformen entstehen. Die konkreten kĂŒnstlerischen Darstellungen wirken dann allerdings auch wieder auf die Erwartungen des Publikums zurĂŒck, das heiĂt, es ist grundsĂ€tzlich eine gegenseitige Bedingtheit stereotyper Modelle zu erwarten. Sowohl das Ă€sthetische als auch das medizinisch-diagnostische Krankheitsbild sind oftmals Projektionen, die die RealitĂ€t verzerrt wiedergeben oder aber sogar formen können.
In den bildlichen Darstellungen manifestiert sich der Wahnsinn fallweise durch verzerrte Mimik, unnatĂŒrlich verdrehte Körperhaltung, widersprĂŒchliche oder sinnlose Gestik, durch absurde Handlungen, Darstellung von Halluzinationen oder einfach nur unter Zuhilfenahme der Physiognomie.
Das Gesicht ist die bevorzugte Körperregion, die zur Kenntlichmachung des Wahnsinns herangezogen wird. In erster Linie deuten unharmonische, asymmetrische oder verzerrte GesichtszĂŒge bis hin zu Grimassen und weit aufgerissenen oder verdrehten Augen auf geistige ZustĂ€nde jenseits der NormalitĂ€t hin. Der Situation unangemessene Mimik, etwa das Lachen in einer Trauersituation, ist ein besonders starker Hinweis auf vorliegenden Wahnsinn.
Die Gestik der Wahnsinnigen ist hĂ€ufig widersprĂŒchlich oder undeutbar. Theatralische Verrenkungen und widerstrebende Bewegungsrichtungen verschiedener Körperteile gehören hier ebenso dazu wie ungewöhnliches Ent- oder Angespanntsein der Muskulatur. Als Extreme sind völlig verkrampfte Haltungen oder erschlafftes Zusammengesunkensein möglich. Bei der Darstellung von Frauen kann eine erotisch-unschamhafte Komponente hinzutreten.
Die medizinischen Illustrationen dĂŒrfen aus den bereits genannten GrĂŒnden in ihrem Quellenwert nicht weniger kritisch eingeschĂ€tzt werden als die kĂŒnstlerischen Gestaltungen.
Siehe auch den untenstehenden Abschnitt Beispiele aus der bildenden Kunst.
Bearbeiten Literarische Beschreibungen
Eine eindringliche Beschreibung des Wahnsinns findet sich bereits in einem Abschnitt des Iwein von Hartmann von Aue. Der Löwenritter Iwein versĂ€umt eine von seiner Frau gestellte Frist und verliert damit ihre Gunst. Daraufhin flieht er vom Hof, wird tobsĂŒchtig und fristet als unbekleideter Wahnsinniger sein Leben im Wald:
- dĂŽ wart sĂźn riuwe alsĂŽ grĂŽz
- daz im in daz hirne schĂŽz
- ein zorn unde ein tobesuht,
- er brach sĂźne site und sĂźne zuht
- und zarte abe sĂźn gewant,
- daz er wart blĂŽz sam ein hant.
- sus lief er ĂŒber gevilde
- nacket nĂąch der wilde.[2]
(Frei ĂŒbersetzt: Da wurde sein Leid so groĂ, dass ihn Wahnsinn und Raserei irre machten. Er verlor Anstand und Erziehung, riss sich seine Kleider vom Leib, bis er vollkommen nackt war. In dieser Aufmachung lief er ĂŒber die Felder in unbewohnte Gegenden.)
SpĂ€ter wird er durch eine Zaubersalbe geheilt, die die Fee Feimorgan selbst einmal vor langer Zeit hergestellt hat und bewĂ€ltigt seine IdentitĂ€tskrise, indem er sein bisheriges Leben als Traum einschĂ€tzt und sich fortan fĂŒr einen Bauern hĂ€lt. Dann wird er bekleidet und zur Burg GrĂ€fin von Narison gefĂŒhrt, wo er vollstĂ€ndig heilt. Schon frĂŒh ist hierin die Beschreibung der Ătiopathogenese als auch der Symptomatik und der Heilung von Wahnsinn gesehen worden.
In Georg Heyms ErzÀhlung Der Irre wird der ganze Schrecken des vollkommenen, sinnlosen Wahnsinns geschildert. Der aus einer Irrenanstalt entlassene Patient beginnt einen unheilvollen Zug durch die umliegende Gegend, wo er auch auf zwei Kinder trifft:
- Er holte die Kinder ein und riĂ das kleine MĂ€dchen aus dem Sande auf. Es sah das verzerrte Gesicht ĂŒber sich und schrie laut auf. Auch der Junge schrie und wollte fortlaufen. Da bekam er ihn mit der andern Hand zu packen. Er schlug die Köpfe der beiden Kinder gegeneinander. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, zĂ€hlte er, und bei drei krachten die beiden kleinen SchĂ€del immer zusammen wie das reine Donnerwetter. Jetzt kam schon das Blut. Das berauschte ihn, machte ihn zu einem Gott. Er muĂte singen. Ihm fiel ein Choral ein. Und er sang:
-
- âEin feste Burg ist unser Gott / [...] Auf Erd ist nicht sein'sgleichen.â
- Er akzentuierte die einzelnen Takte laut, und bei jedem lieĂ er die beiden kleinen Köpfe aufeinanderstoĂen, wie ein Musiker, der seine Becken zusammenhaut. Als der Choral zu Ende war, lieĂ er die beiden zerschmetterten SchĂ€del aus seinen HĂ€nden fallen. Er begann wie in einer VerzĂŒckung um die beiden Leichen herumzutanzen. Dabei schwang er seine Arme wie ein groĂer Vogel, und das Blut daran sprang um ihn herum wie ein feuriger Regen.[3]
Eine der eindrĂŒcklichsten Schilderungen des Wahnsinn dĂŒrfte die Groteske Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen von Nikolai Wassiljewitsch Gogol sein. Die detaillierte Darstellung der bestĂ€ndigen RealitĂ€tsverneinung und Flucht in eine Traumwelt bei gleichzeitigem körperlichem Verfall stellt eine sehr eindrucks- und reizvolle kĂŒnstlerische Gestaltung der Mania dar. Sie beschreibt in der Ich-Perspektive die Geschichte des Amtsschreibers Poprischtschin, der eines Tages auf zwei sprechende Hunde trifft, die von sich behaupten, in Korrespondenz miteinander zu stehen. Poprischtschin ist unglĂŒcklich in die Tochter seines Chefs verliebt, die fĂŒr ihn unerreichbar ist und gibt sich seinen Depressionen hin. Bald kann er die Briefe der Hunde beschlagnahmen und lesen, spĂ€ter erfĂ€hrt er aus der Zeitung, dass der spanische Thron verwaist ist. Er erkennt sich selbst als den legitimen König von Spanien. In solch hohe Position gehoben tritt er vor die geliebte Sophie und prophezeit ihr, dass sie zusammenfinden werden. Poprischtschin wird in die Irrenanstalt eingewiesen, glaubt aber, er sei in Madrid, der Oberarzt aber der spanische Inquisitor.
Siehe auch den untenstehenden Abschnitt Beispiele aus der Literatur.
Bearbeiten Formen
Im Lauf der Geschichte sind unzÀhlige Formen des Wahnsinns unterschieden und eine ganze Reihe von Klassifikationssystemen vorgeschlagen worden. Zur historischen Differentialdiagnose gehörten unter anderem dementia, amentia, insania, melancholia, amor, mania, furor, ebrietas, lykanthropia, ekstase, phrenitis (daher "frenetisch"), somnium, lethargus, delirium, coma, cataphora, noctambulismus, ignorantia, epilepsia, apoplexia, paralysis, hypochondriasis und somnambulismus. Hier sollen im Weiteren nur einige der wichtigsten Formenkreise vorgestellt werden.
Bearbeiten âNĂŒtzlicher Wahnsinnâ
In der Antike konnten dichterische Inspiration und Sehertum âpositiveâ Formen des Wahnsinns darstellen. Im Altgriechischen ist ÎŒÎ±ÎœÎŻÎ±, manĂa âdie Rasereiâ verwandt mit dem sehr Ă€hnlichen griechischen ΌαΜÏÎčÏ, mantis, das ist âder Seherâ, âder Prophetâ. Auch die Ekstase galt als Wahnsinn, insbesondere die dionysische Raserei.
Platon unterscheidet vier Formen des produktiven Wahnsinns: den mantischen, mystischen, poetischen und erotischen Wahnsinn. âGöttlicher Wahnsinnâ kann zu wahrem Wissen fĂŒhren und ist somit positiv konnotiert.[4]
Ăhnlich der antiken Auffassung gab es auch im Mittelalter sanktionierten Wahnsinn. Dieser Ă€uĂerte sich etwa in geistlicher Ekstase, VerzĂŒckungen oder Visionen. Zudem konnten Heilige in einen âgutenâ Wahnsinn geraten.
Bearbeiten Unvernunft
Die in der Neuzeit bestimmende Charakterisierung von Wahnsinn nimmt Immanuel Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) vor. Diese wegweisende Einteilung basiert auf der Dichotomie von Vernunft und Unvernunft. Denjenigen, die er als âVerrĂŒckteâ kategorisiert, teilt er die Krankheitsformen âWahnsinnâ, âWahnwitzâ und âAberwitzâ zu. Seine EinschĂ€tzung des Wahnsinns als âmethodische VerrĂŒckungâ, die sich durch âselbstgemachte Vorstellungen einer falsch dichtenden Einbildungskraftâ auszeichnet, wird zur klassischen Definition des Wahnsinns im 18. und 19. Jahrhundert. âWahnwitzâ ist fĂŒr Kant hingegen eine systematische, wenngleich nur teilweise Störung der Vernunft, die sich als âpositive Unvernunftâ Ă€uĂert, da die Betroffenen andere Vernunftregeln gebrauchen als die Gesunden. Gemein ist allen Formen des Wahnsinns nur der Verlust des Gemeinsinns (sensus communis), der durch einen logischen Eigensinn (sensus privatus) ersetzt wird.
Bearbeiten Melancholie
Eine andere Form des âWahnsinnsâ wird zwar schon in der Antike beschrieben, erlangt aber vor allem bei den Gebildeten seit dem Humanismus als âModekrankheitâ PopularitĂ€t: die Krankheit der Melancholie. Zwar galt der Konstitutionstyp des Melancholikers im Mittelalter als der am wenigsten erstrebenswerte, da dieser mit dĂŒrftigem Körperbau, unattraktivem Erscheinungsbild und unerfreulichen charakterlichen und geistigen Eigenschaften veranlagt war. Doch lag in der Melancholie als Krankheit eine bereits bei Aristoteles und Cicero angedeutete Möglichkeit der Selbstgenialisierung verborgen, die im Humanismus nun in einem âMelancholie-Kultâ gepflegt wurde. Der kreative KĂŒnstler und Denker bewegte sich dieser Vorstellung nach stets zwischen Genie und Wahnsinn. Noch Schelling bezog sich auf diese alte Lehre, als er behauptete, dass nur Menschen, die ein wenig wahnsinnig sind, kreativ sein könnten (nullum magnum ingenium sine quadam dementia). Diese Form der Selbststilisierung wurde erst im 19. Jahrhundert allmĂ€hlich unpopulĂ€r.
Bearbeiten Manie und Hysterie
Im Gegensatz zur Melancholie stand immer die Mania (Raserei). Diese war als Delirium sine febre cum furore et audacia definiert. In der Abgrenzung zur Melancholie wird hier die gröĂere Wildheit, Aufgeregtheit und Hitzigkeit der Mania betont. Joannes Fernelius schrieb:
- â[Die Mania âŠ] ist in Gedanken, Worten und Werken dem Wahnwitz der melancholischen Ă€hnlich, doch quĂ€lt und treibt sie die Kranken mit JĂ€hzorn, Streitsucht, Geschrei, entsetzlichem Aussehen, mit weitaus gröĂerem körperlichem UngestĂŒm und geistiger Verwirrung umherâ (Lit.: Kutzer, S. 92).
UrsprĂŒnglich den Frauen vorbehalten war die Hysterie (pnix hysterike), von der man annahm, dass diese durch die weiblichen reproduktiven Anlagen verursacht sei. So sollten etwa durch LageverĂ€nderung der GebĂ€rmutter im Körper der Frau ErstickungsgefĂŒhle hervorgerufen werden können, die zu den Ursachen dieser Wahnsinnsart gerechnet wurden. In der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts wurden Frauen oftmals aus diesem Grund von Ărzten verstĂŒmmelt (s.u.).
Bearbeiten Sonstige Formen
Zum Wahnsinn wurden bisweilen auch nicht-psychische Krankheiten und Defekte gezÀhlt, wie Epilepsie oder Tollwut (Rabies), selbst fiktive PhÀnomene wie die Lykanthropie oder Tanzwut (die allerdings im Veitstanz ihr reales Pendant findet). Auch substanzinduzierte Bewusstseinsstörungen wie Rausch- und VergiftungszustÀnde (Alkohol, Halluzinogene, Pflanzengifte) konnten unter Wahnsinn subsumiert werden.
Besondere Formen stellen die auf rein organische Ursachen zurĂŒckgehenden DauerzustĂ€nde wie die âangeborene Blödsinnigkeitâ (amentia congenita) bzw. massive Intelligenzminderung (Stumpf- und Starrsinn: Koma, Lethargie, KatochĂ©, Altersdemenz) dar.
Die Liebeskrankheit (amor hereos, morbus amatoris) ist ein Wahnsinn, der sich bei unerfĂŒllter oder unglĂŒcklicher Liebe einstellt. Ein Beispiel fĂŒhrt die anonyme MĂ€re Der Bussard aus dem 14. Jahrhundert vor, in der ein Königssohn seine Braut verliert und sich in krankhaften Liebeskummer hineinsteigert. Seine Verzweiflung wĂ€chst mit Weinen und Haareraufen. Dann bricht der Wahnsinn ĂŒber ihn herein und der Königssohn wird zum Tier. Bis zum Happy End vegetiert er als Waldmensch dahin.
Franz Werfel gibt in seinem Roman: âDas Lied von Bernadetteâ eine sehr eindrĂŒckliche Definition des Wahnsinns als Leugnung von Sinn. Dort heiĂt es:
- âDer Glaube an das Göttliche ist nichts andres als die wesensĂŒberzeugte Anerkennung, daĂ die Welt einen Sinn habe, das heiĂt eine geistige Welt sei. Der Wahnsinn ist die vollkommenste Aberkennung dieses Sinnes. Mehr als das, er ist die gleichnishafte Sinnlosigkeit der Schöpfung im Geschöpf. Wo die letzte Evidenz des Sinns in einer Seele wirklich fehlt â dies ist aber Ă€uĂerst selten â, tritt der Wahnsinn in sein Recht. Daher kommt es, daĂ Zeiten, die den göttlichern Sinn, des Universums leugnen, vom kollektiven Wahnsinn blutig geschlagen werden, ...â[5]
In jenem medizinisch-naturwissenschaftlich bestimmten Denken, welches vom Beginn der AufklĂ€rung an bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Geschichte Europas wesentlich mitgeprĂ€gt hat, war Gesundheit fĂŒr breite Bevölkerungsschichten der MaĂstab des Konzeptes von NormalitĂ€t und umgekehrt. In der Folge wurde in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft leicht alles, was nicht ânormalâ war, als âkrankhaftâ betrachtet. Dazu konnte alles gehören, was nicht den kulturellen, gesellschaftlichen, moralischen oder juristischen Vorstellungen der Zeit von akzeptablem Verhalten oder Existenzformen entsprach (z.B. HomosexualitĂ€t). Diejenigen, die sich nicht konform verhielten oder randstĂ€ndig waren, sollten möglichst âgeheiltâ und âreintegriertâ werden. Ein stereotypes Ideal eines âGesundenâ, d.h. eine Vorstellung davon, was als âgesundâ und ânormalâ zu gelten hat, ist dabei aus GrĂŒnden der notwendigen Abgrenzung untergrĂŒndig immer prĂ€sent gewesen. Zugleich konnte dieses Ideal aber auch bewusst zur gezielten Ausgrenzung missbraucht werden (wie in spĂ€terer Zeit z.B. durch die Psychiatrisierung der Dissidenten in der Sowjetunion geschehen).
Bearbeiten Ursachenzuschreibungen
Der erste, der den Komplex des Wahnsinnsbegriffs behandelte, war Platon. In seinem Dialog Phaidros unterscheidet er zwischen zwei Hauptformen: jenem Wahnsinn, der durch menschliche Krankheit und jenem, der durch göttliche Gabe verursacht ist. Daran anschlieĂend wird hier nach natĂŒrlichen und ĂŒbernatĂŒrlichen ErklĂ€rungsversuchen fĂŒr den Wahnsinn unterschieden.
Bearbeiten ĂbernatĂŒrliche ErklĂ€rungsmodelle
Bearbeiten Magisch-heidnische Vorstellungen
Bei den Babyloniern (ca. 19. bis 6. Jahrhundert v. Chr.) und Sumerern (ca. 2800 bis 2400 v. Chr.) galt Wahnsinn als durch Besessenheit, Zauberei, dÀmonische Bosheit, den Bösen Blick oder durch das Brechen eines Tabus verursacht. Er war Richtspruch und Strafe zugleich.
Auch im antiken Griechenland ging die volkstĂŒmliche Auffassung zumeist von einer âBesessenheit durch böse Geisterâ aus. Daneben gab es die Vorstellung, dass Wahnsinn von einer göttlichen Macht geschickt wĂŒrde. WĂ€hrend die somatisch bedingte Krankheit âWahnsinnâ fĂŒr die Seele, wie Platon im Timaios ausfĂŒhrt, von Ăbel ist, fĂŒhrte diesem Konzept nach der göttliche Wahnsinn zu wahrem Wissen und war somit durchaus positiv besetzt. In den antiken Mythen fĂŒhrte er allerdings fast immer zu Selbstzerstörung und zur Tötung Unschuldiger â meist von Familienmitgliedern â, wenn die Götter den Wahnsinn schickten. Wahnsinn galt dort in der Regel als durch Hybris, Stolz oder Ehrgeiz selbst verschuldet.
Im Mittelalter wurde der âgewöhnlicheâ Wahnsinn in der Vorstellung der meisten Menschen vom Teufel verursacht oder durch Hexen gebracht. Insbesondere unkontrolliertes Handeln und Sprachensprechen (Glossolalie) wurden als teuflisch (lat. maleficum) angesehen.
Bearbeiten Christlich-religiöse Vorstellungen
Bereits im Alten Testament ist der Wahnsinn eine Strafe, die auf göttliches Eingreifen zurĂŒckzufĂŒhren ist. So heiĂt es etwa in Dtn 28,28: âDer Herr schlĂ€gt dich mit Wahnsinn, Blindheit und Irreseinâ. Eine solche Strafe trifft die Figur des Nebukadnezar aus dem Bericht in Dan 4,1â34. Nebukadnezar ist ein ĂŒberheblicher Tyrann, der die Juden verfolgt. Durch eine himmlische Stimme wird ihm tiefste Erniedrigung angekĂŒndigt. Er verfĂ€llt dem Wahnsinn und muss sieben Jahre lang wie ein Tier leben und Gras fressen. Diese Gestalt des Nebukadnezar ist die Vorlage fĂŒr die mittelalterliche Sichtweise der Ursachen fĂŒr den Wahnsinn schlechthin. Da er wegen der ErzsĂŒnde des Hochmuts erniedrigt wurde, lagen BezĂŒge zwischen SĂŒnde und Wahnsinn nah: Hugo von Sankt Viktor betonte etwa den pĂ€dagogischen Aspekt von Nebukadnezars Wahnsinn. In der Folge wurde im Mittelalter der Wahnsinn hĂ€ufig auf das Einwirken Gottes zurĂŒckgefĂŒhrt.
Wahnsinn wird in der Regel als Besessenheit interpretiert. Der offenkundigste alttestamentliche Fall findet sich bei König Saul (1 Sam 9,2â31,13). Saul zieht den Zorn Gottes auf sich, weil er die Amalekiter nicht vollstĂ€ndig ausrottet und wird von einem bösen Geist besessen, der ihn mit Wahnsinn und Raserei quĂ€lt: âAm folgenden Tag kam ĂŒber Saul wieder ein böser Gottesgeist, so dass er in seinem Haus in Raserei geriet.â (1 Sam 18,10). Diese Geschichte wurde im Mittelalter immer wieder dahingehend verwendet, die Theorie von Besessenheit durch DĂ€monen und Teufel â vor allem wĂ€hrend der Inquisition â zu stĂŒtzen. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts beginnen niederlĂ€ndische Calvinisten, diese Bibelstelle im Sinne der Beschreibung einer Geisteskrankheit auszulegen.
Auch im Neuen Testament finden sich FĂ€lle von Wahnsinn. Das prominenteste Beispiel ist die Heilung des Besessenen von Gerasa durch Jesus (Mt 8,28â34; Mk 5,1â20, Lk 8,26â40). Bei MatthĂ€us heiĂt es:
- â3Man konnte ihn [den Mann] nicht bĂ€ndigen, nicht einmal mit Fesseln. 4Schon oft hatte man ihn an HĂ€nden und FĂŒĂen gefesselt, aber er hatte die Ketten gesprengt und die Fesseln zerrissen; niemand konnte ihn bezwingen. 5Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabhöhlen und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen.â
Aber auch die Apostel waren fÀhig, Wahnsinn zu heilen (zum Beispiel in Apg 5,16).
In der Inquisition verdichtete sich die Auffassung von Wahnsinn als Form der Besessenheit von DÀmonen, Teufeln und bösen Geistern.
Bedeutung erlangte im SpĂ€tmittelalter und in der frĂŒhen Neuzeit auch die Vorstellung des Kampfes um die Seele (s.a. Prudentius, Psychomachie). Diese beinhaltete, dass die MĂ€chte Gottes und des Teufels um die Seele des Menschen kĂ€mpften. Als eine mögliche Folge wurde das Eintreten geistiger Verwirrtheit vermutet.
Bearbeiten NatĂŒrliche ErklĂ€rungsmodelle
Bearbeiten Geistig-moralische Defekte
Im homerischen Epos bedeutete das griech. ΌαÎčΜΔÏΞαÎč (mainesthai) ârasenâ, âtobenâ oder âvon Sinnen seinâ. Dieses Verhalten auĂerhalb der Normen war in der Regel durch den Verlust der Affektkontrolle bedingt. Unter âgewöhnlichemâ Wahnsinn verstanden die alten Griechen also die BeeintrĂ€chtigung oder Ausschaltung des nĂŒchternen Verstandes, zum Beispiel durch Schmerz, Wut, Hass oder RachegelĂŒste. Auch in der Attischen Tragödie, die existentielle und elementare Konflikte behandelt, wurde der Wahnsinn als Verlust des Selbst gesehen, der katastrophale Folgen fĂŒr den Betroffenen und die Gemeinschaft haben konnte.
Nach Ende des Mittelalters, das vor allem dem ErklĂ€rungsmodell der Besessenheit verhaftet war, veröffentlichte Johann Weyer (1515â1588) im Jahre 1563 die Streitschrift De praestigiis daemonum gegen den Hexenhammer und die Inquisition. Er sah Wahnsinn als eine Krankheit des Geistes und setzte den religiösen Irrungen ein rationales medizinisches Paradigma entgegen. Er blieb jedoch ein EinzelkĂ€mpfer, der sich gegen Aberglauben und Klerus nicht durchzusetzen vermochte. Dennoch konnte er sich auf Theophrast von Hohenheim (Paracelsus) (1493â1541) und Felix Platter (1536â1614) stĂŒtzen, die wie er VorkĂ€mpfer der medizinischen Psychiatrie waren. Platter behauptete, dass nicht jede Form von Wahnsinn automatisch durch DĂ€monen verursacht sei. Besonders im âgemeinen Volkâ fĂ€nden sich oft âeinfache Irreâ, nicht jeder Geistesgestörte sei automatisch verflucht.
Seit dem 13. Jahrhundert â so Michel Foucault â begann sich das VerstĂ€ndnis von Wahnsinns allmĂ€hlich zu wandeln. Er reihte sich allmĂ€hlich in die Liste der Laster ein, die von Unmoral und Unvernunft des Betroffenen kĂŒndeten. Im 15. Jahrhundert stand Wahnsinn dann nicht mehr unbedingt in einem dĂ€monischen Kontext. Stattdessen wurde nun oftmals die individuelle âmenschliche SchwĂ€cheâ der Betroffenen ins Zentrum gerĂŒckt: Torheit und Narrheit liegen in der Verantwortung des Einzelnen, der seine Zucht- und MaĂlosigkeit nicht zu zĂŒgeln vermag. Das falsche Verhalten hat den Wahnsinn zur Konsequenz. Dieser gilt als Gebrechen und Fehlerhaftigkeit seines TrĂ€gers und wird in der Folge zum Stigma. Entsprechend wird der Narr, als jemand, der sich an den Grenzen oder auĂerhalb der Normen bewegt, der LĂ€cherlichkeit preisgegeben.
Das âZeitalter der AufklĂ€rungâ bildete die Bedeutung des Wahnsinns als Fehlfunktion einer ursprĂŒnglich gesund angelegten Vernunft aus. Wahnsinn wird als der defekte Modus einer natĂŒrlichen VernĂŒnftigkeit begriffen. Dieses aufklĂ€rerische Herausarbeiten der Vernunft bringt den Wahnsinn â als Unvernunft â als notwendigen Gegenpart hervor, um den Vernunftbegriff ĂŒberhaupt sinnvoll konstituieren zu können. In diesem Konzept begrenzt und bedingt sich das komplementĂ€re Begriffspaar gegenseitig. Michel Foucault hĂ€lt diese Entwicklung zugleich auch verantwortlich fĂŒr den parallel stattfindenden Beginn der Ausgrenzung des Wahnsinns und der Wahnsinnigen aus der Gesellschaft. Arthur Schopenhauer weist auf die gegenseitige Bedingtheit von Vernunft und Wahnsinn hin, wenn er postuliert, dass Tiere des Wahnsinns nicht fĂ€hig sind.
Bearbeiten Körperliche Ursachen
Die griechische Medizin erklĂ€rte den Wahnsinn durch einen âĂberfluss an schwarzer Galleâ (griech. ÏολΟ ÎŒÎ”Î»Î±ÎœÎżÎŻÎ±, chole melanoia). Diese humoralpathologische Auffassung des hippokratischen Corpus war bereits frei von religiös-magischen Vorstellungen. In Humanismus und Renaissance wurde diese Theorie der âschwarzen Galleâ (lat. bilis atra) wieder populĂ€r. Deren dunkle SĂ€fte und ruĂigen DĂ€mpfe â so glaubte man â schlĂŒgen sich auf das Gehirn nieder, das schon als Sitz des Verstandes erkannt war, zermĂŒrbten es und machten es spröde. Die âgelbe Galleâ (lat. bilis pallida bzw. bilis flava) hingegen konnte nach Daniel Sennert hitzige Raserei verursachen und damit Grund fĂŒr den cholerischen Wahnsinn sein. Ebenso wie fĂŒr die Mania galt die âgelbe Galleâ auch als Ursache der Epilepsie, die zwar eher im Grenzbereich des Wahnsinnsbegriffes liegt, historisch diesem dennoch oftmals hinzugerechnet wurde.
Die Melancholie wurde als Krankheit des Herzens eingestuft, welches im Gegensatz zum Hirn als Sitz von GemĂŒt und GefĂŒhl angesehen wurde. Diese Lokalisation war jedoch nicht unumstritten. Girolamo Mercuriale etwa beschrieb die Melancholie als Störung der Imaginatio im vorderen Teil des Gehirns. GroĂe Einigkeit bestand darin, dass die Phrenitis â eine EntzĂŒndung der GehirnhĂ€ute â ein möglicher Grund fĂŒr Wahnsinn ist, deren Ursache wiederum âgrimmige, bitter gewordene Galle sei, die die Fasern des Gehirns reiztâ (Joannes Fantonus, 1738). Eine besondere Rolle kam auch der Milz zu, die als das Reservoir der von der Leber erzeugten schwarzen GallensĂ€fte galt. Wenn die âschwarze Galleâ von der Milz nicht richtig angezogen wĂŒrde und sich dem Blut beimische, so gelange sie ins Hirn und richte dort groĂen Schaden an (Ioannes Marinellus, 1615).
Der Melancholie nicht unĂ€hnlich ist der Komplex der Liebeskrankheit, amor hereos oder auch Morbus amatorius. Die Verbindung ist hier augenfĂ€llig, wenngleich Wahnsinn als eine durch unerfĂŒllte Liebe verursachte körperliche Krankheit schon in der Antike um 600 v. Chr. von der Dichterin Sappho geschildert wird und auch im Corpus Hippocraticum wieder auftaucht.
FrĂŒh wurden schon Verbindungen zwischen Verletzungen des Gehirns und Wahnsinn gezogen. So beschrieb Wilhelm von Conches (um 1080â1154) bereits Ursachen fĂŒr den Wahnsinn durch Verletzungen des Gehirns: Der Betroffene verliere eine FĂ€higkeit, behalte aber die ĂŒbrigen entsprechend der unbeschĂ€digten Gehirnbereiche. Auch Mondino di Liuzzi (ca. 1275â1326) schuf eine Ventrikellehre der Pathologie: âAusfĂ€lle der mentalen Vermögen sind mit LĂ€sionen der entsprechenden Gehirnteile gleichgesetztâ (Lit.: Kutzer, S. 68f.).
Die positivistische Psychiatrie erhob den Anspruch, dass alle Erscheinungen des Wahnsinns nicht nur auf eine nachvollziehbar-kausale, körperliche Ursache zurĂŒckzufĂŒhren, sondern auch zu beheben sein werden. Der Geist, die Seele galt nunmehr als bloĂe Marionette des Hirnorgans. Diese naturwissenschaftlich-anatomisch fundierte Psychiatrie setzte sich in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts endgĂŒltig durch. Das psychiatrische Paradigma lautete: Krankheiten des Geistes sind Krankheiten des Gehirns. In der Folge wurde der Begriff âWahnsinnâ als nosologischer Fachterminus obsolet und durch die Bezeichnung âGeisteskrankheitâ abgelöst.
Am Ende des 19. Jahrhunderts rĂŒckte der Zusammenhang zwischen Wahnsinn und SexualitĂ€t in den Mittelpunkt des Interesses. Basierend auf dem Gegensatzpaar Natur â Kultur spielte die Geschlechtszugehörigkeit nun eine wichtige Rolle. Wilde, Angehörige der Unterschicht und Frauen gehörten dem Bereich des Triebhaften an, MĂ€nner der bĂŒrgerlichen Zivilisation. Frauen galten aufgrund der âPathogenitĂ€t des weiblichen Unterleibsâ und der âMinderwertigkeit der weiblichen Nervenâ als besonders vulnerabel: PubertĂ€t, Menstruation, Geburt und Menopause galten als gefĂ€hrlich. Die Lokalisation des âKrankheitsherdesâ fĂŒhrte zum spezifischen Begriff der Hysterie (von griech. áœÏÏÎÏα, hystera âGebĂ€rmutterâ). In dieser Zeit wurde den Frauen geistige Gesundheit zum Teil nur noch als kurze Unterbrechung ihrer geschlechtsbedingten Krankheit zugestanden.
Die moderne Psychiatrie und Neurologie erforschen die neurobiologischen Grundlagen psychischer Störungen. Beispielsweise lassen sich bei der Schizophrenie VerĂ€nderungen des Stoffwechsels von Nervenzellen im Gehirn feststellen. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse bemĂŒht sich die Psychiatrie um die Entwicklung neuer Therapien psychischer Störungen.
Bearbeiten Seelische Störungen
Nachdem der Begriff âWahnsinnâ im 19. Jahrhundert durch den Begriff der Geisteskrankheit ersetzt wurde, der sich von der Vorstellung ableitete, dass dem Menschen ein Geist, beziehungsweise eine Seele innewohnt und diese erkrankt sein könne (siehe Psychoanalyse), wandelte sich der Begriff im 20. Jahrhundert erneut. Heute werden die Erscheinungen, die unter âWahnsinnâ gefasst wurden, im allgemeinen nicht mehr mit dem Terminus âpsychische Erkrankungâ benannt, sondern als âpsychische Störungâ oder auch âVerhaltensstörungâ bezeichnet.
Bearbeiten Diagnostik
Die auf empirischer Beobachtung basierende Diagnostik des Wahnsinns begann im Jahr 1793, als der Mediziner und Philanthrop Philippe Pinel (1745â1826) Leiter der Pariser Kranken-, Irren- und Besserungsanstalten zuerst in BicĂȘtre, dann in SalpĂȘtriĂšre wird. Er fĂŒhrte humanere Behandlungsmethoden ein und klassifizierte die Insassen nach ihren individuellen Problemlagen. Wenn es möglich war, ĂŒberwies er sie, soweit dies sinnvoll war, an andere Institutionen. Die zurĂŒckbleibenden Wahnsinnigen brachte er abhĂ€ngig von ihrer Symptomatik in jeweils eigenen, abgetrennten Bereichen unter. Der somit gleichsam âisolierteâ Wahnsinn konnte in seinen Eigenarten nun mit empirisch-naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Die Ă€uĂerlich sichtbar werdenden Krankheitszeichen, die Pinel akribisch beobachtete und mit der individuellen Biographie des Kranken verknĂŒpfte, wurden durch seine Monographie Nosographie philosophique ou mĂ©thode de l'analyse appliquĂ©e Ă la mĂ©decine (Paris 1798) maĂgeblich fĂŒr die zukĂŒnftige Klassifikation des Wahnsinns.
FĂŒr den Arzt Franz Joseph Gall (1758â1828) zĂ€hlte das Irresein zu den Krankheiten, die grundsĂ€tzlich materielle Ursachen hatten. In seiner Wiener Praxis begann er nach 1785 die Anatomie des Gehirns und neurologische Grundfragen zwischen Organstruktur und -funktion zu untersuchen. Er kam zu dem Ergebnis, dass das Gehirn aus vielen einzelnen Einheiten besteht, deren individuelles Versagen zu spezifischen Formen des Wahnsinns fĂŒhren konnte. Damit begrĂŒndete er die Phrenologie (griech. phren âZwerchfellâ, als Sitz der Seele in der griechischen Antike), deren Verbindung mit der Kraniologie (griech. kranion âSchĂ€delâ) versprach, durch einfaches Abmessen der SchĂ€delform die Bestimmung von Intelligenz, Charakter und moralischer Verfasstheit eines Menschen zu ermöglichen.
Heute werden psychische Störungen und Erkrankungen nicht mehr unter einem allgemeinen Begriff wie âWahnsinnâ zusammengefasst, sondern anhand verschiedener Diagnosesysteme, wie dem DSM 4 der American Psychiatric Association (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung) oder der ICD-10 der WHO, fein differenziert; einen guten Ăberblick ĂŒber das groĂe diagnostische Spektrum dieser Störungen bietet die Liste psychischer Störungen.
Bearbeiten Therapien
Bearbeiten Magische Therapie
Eine Heilung des Wahnsinns wurde oft durch magische Mittel versucht, wobei die Gefahr besteht, 'den Teufel durch den Beelzebub (also einen anderen Teufel) auszutreiben'. Der Besessenheit durch böse Geister begegnete man aus christlicher Sicht dann richtig, wenn mit einem Exorzismus der Heilige Geist, d.h. Gott selbst, in den Kranken einzieht oder zumindest den DĂ€mon vertreibt. Geistliche Heilungsmethoden standen den katholischen GlĂ€ubigen immer zur VerfĂŒgung. DarĂŒber hinaus konnten diese auch Pilgerreisen zu besonderen WallfahrtsstĂ€tten unternehmen oder Messen lesen lassen. Bei den evangelischen Kirchen wurde in spĂ€terer Zeit das Gebet, die geistliche Beratung und das Lesen der Bibel bevorzugt.
Bearbeiten Chirurgische Therapie
Bohrungen (Trepanationen) an steinzeitlichen SchĂ€deln könnten als erste historisch fassbare Hinweise auf eine Auseinandersetzung mit dem, was in spĂ€terer Zeit als Wahnsinn bezeichnet wurde, gedeutet werden. PalĂ€opathologen vermuten, dass es sich hierbei möglicherweise um Versuche einer chirurgischen Behandlung von Geisteskranken gehandelt haben könnte, bei denen âbösen Geisternâ eine Möglichkeit zum Entweichen aus dem SchĂ€del des Patienten geschaffen werden sollte. Ăhnliche Behandlungsmethoden sind auch aus spĂ€terer Zeit bekannt (s. Abb.).
Die Schattenseiten der psychiatrischen Medizin zeigten sich in den höchst zweifelhaften chirurgischen Therapieversuchen des 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa der Hysterektomie, Kliterektomie oder der Lobotomie. Die gegen Mitte des 20. Jahrhunderts noch ohne Narkose eingesetzte Elektrokrampftherapie hat in der Ăffentlichkeit angsteinflöĂende Vorstellungen von peinigenden âElektroschocksâ zur Therapie Geisteskranker hinterlassen.
Bearbeiten Verwahrung und Zucht
Im Zeitalter des Absolutismus und Merkantilismus wird der Wahnsinnige zusammen mit anderen Randgruppen, die nicht den geltenden Verhaltensnormen entsprachen oder sich nicht an die Regeln hielten, aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt und in InternierungsstĂ€tten (England: workhouses, Frankreich: hĂŽpitaux gĂ©nĂ©raux, Deutschland: âZucht-, Arbeits- und TollhĂ€userâ) eingeschlossen und damit âunschĂ€dlichâ gemacht. Durch Zucht und Arbeit (hĂ€ufig auch durch körperliche ZĂŒchtigung) sollte ihrer âUnvernunftâ entgegengewirkt werden. In einigen Asylen konnten die angeketteten Kranken als âMonstrositĂ€tenâ zur Abschreckung und Befriedigung der Schaulust gegen Eintritt durch vergitterte Fenster betrachtet werden.
Am Ende des 18. Jahrhunderts befreite die AufklĂ€rung die âIrrenâ zumindest aus ihren physischen Ketten. Die Betroffenen wurden prinzipiell als heilungsbedĂŒrftige Kranke anerkannt, wenngleich der Arzt vornehmlich damit beauftragt war, den Wahnsinnigen âzu seinem eigenen Wohleâ weiterhin zu isolieren und jegliche Disziplinierungstechnik, allen voran die âmoralische Behandlungâ, therapeutisch zu rechtfertigen.
Bearbeiten Keine Therapie
Im Mittelalter wurde der Wahnsinn in der Regel auf das Einwirken Gottes bzw. des Teufels zurĂŒckgefĂŒhrt. Eine Möglichkeit der Hilfe fĂŒr die Betroffenen, die man als ânatĂŒrliche Narrenâ bezeichnete, stand wĂ€hrend der gesamten Epoche nicht zur VerfĂŒgung.
Die Betreuung der Wahnsinnigen war im Mittelalter sehr unterschiedlich. Die Haltung zu Krankheit und die Behandlung der Kranken hing stark von ihrem jeweiligen sozialen Milieu ab. Je höher der soziale bzw. materielle Status ihrer Familie, desto gröĂer war die Chance der Betroffenen, gepflegt und umsorgt zu werden und ihren Zustand womöglich ausheilen zu lassen. Wahnsinnige aus reichen Familien wurden eher integriert, die aus armen Familien oftmals vertrieben.
Solange man sie nicht fĂŒr gefĂ€hrlich hielt, wurden Betroffene hĂ€ufig sich selbst ĂŒberlassen. Manche erhielten ein Narrenkleid, das sie selbst schĂŒtzen und andere warnen sollte. Die Familien der Wahnsinnigen waren versorgungs- und regresspflichtig: âOver rechten doren unde over sinnelosen man ne sal man ok nicht richten; sweme sie aver scaden, ire vormĂŒnde sal it gelden.â (Sachsenspiegel III 3). Waren Betroffene eine öffentliche Gefahr, schloss man sie in StadttĂŒrmen oder zuhause ein, bisweilen auch in Narrenkisten oder -kĂ€figen auĂerhalb der Stadtmauern. Fremde wurden aus den eigenen Gebieten verjagt.
Bearbeiten Psychotherapie und Psychopharmakotherapie
Heutzutage werden psychische ZustĂ€nde, die dem Wahnsinn nahe kommen, in aller Regel durch eine Kombination aus medikamentösen MaĂnahmen (Psychopharmaka) und psychotherapeutischen Methoden behandelt, wobei der jeweilige Anteil dieser beiden Therapieformen je nach psychiatrischem Krankheitsbild unterschiedlich ist. Die Elektrokrampftherapie war in den letzten Jahrzehnten in die Kritik geraten, wird aber in ihrer modernen Form (unter Narkose) immer noch von der Psychiatrie verwendet.
Bisweilen ist es nach Ansicht fast aller Ărzte notwendig, geisteskranke Patienten zeitweilig aus der Gesellschaft zu entfernen und stationĂ€r zu behandeln. Insbesondere psychisch kranke StraftĂ€ter werden in Sicherungsverwahrung untergebracht, um die Gesellschaft vor ihnen zu schĂŒtzen. Mit den IrrenhĂ€usern des 19. Jahrhunderts haben die modernen psychiatrischen Kliniken zwar wenig gemein, dennoch sind diese als soziologischer Begriff weiterhin negativ besetzt.
Bearbeiten Wahnsinn in Kunst und Literatur
Die Darstellung des Wahnsinns ist in der Geschichte der KĂŒnste immer auch von Voyeurismus geprĂ€gt gewesen. Das Sujet ermöglichte es, das Subjektive, Symbolische, Phantastische und Irrationale zu gestalten. TrĂ€ume, Ăngste und vor allem das HĂ€ssliche waren hier bild- und textwĂŒrdig.
Bearbeiten Beispiele aus der bildenden Kunst
In der bildenden Kunst ist das Thema âWahnsinnâ nicht ĂŒbermĂ€Ăig hĂ€ufig dargestellt worden. Beliebte Sujets sind der Wahnsinn als Strafe oder Rache Gottes bzw. der Götter, die Heilung Besessener durch Jesus, die Apostel oder die Heiligen (siehe oben); ab dem 16. Jahrhundert auch ReprĂ€sentationen von Wahnsinnigen und Portraits, seit dem 18. Jahrhundert auch Darstellungen aus Irrenanstalten. Im Folgenden einige bekannte Beispiele:
- Typisierungen finden sich etwa in der Zeichnung âDas Narrenhausâ von Wilhelm von Kaulbach, der Fiktion einer realistischen Szene im Hof eines Irrenhauses, in der jede Person der dargestellten Gruppe einen eigenen Typus einer Geisteskrankheit reprĂ€sentiert. Die moralisierende Darstellung spiegelt eine biedermeierliche Pathognomik, die die individuellen GesichtszĂŒge als Symptomattribute des Wahnsinns interpretiert. Dargestellte Typen sind u. a. der eingebildete Philosoph, Feldherr und König; der Narr, der Melancholiker, die sexuell ausschweifende und die liebeskranke Frau, mehrere religiöse Wahnsinnige usw.
- BerĂŒhmte Innenansichten aus Irrenasylen finden sich etwa bei William Hogarth oder Francisco de Goya. Hogarths achtes Bild der Serie âA Rake's Progressâ zeigt eine Szene aus dem Bethlam Hospital, in der die wahnsinnigen Insassen sehr klischeehaft;â etwa als eingebildeter Kaiser oder Papst mit den passenden, wenngleich karikierten Attributen;â dargestellt sind. Die schaulustigen Besucherinnen spiegeln den Voyeurismus der Gesellschaft und des Betrachters. Besonders auffĂ€llig ist die Gruppe in der linken unteren Ecke des Bildes, die einer PietĂ nachempfunden ist. Eine realistisch anmutende Szene bietet Goyas âCasa de Locosâ, welches neben den ĂŒblichen Stereotypen auch die Verwahrlosung und das trostlose DahindĂ€mmern der Alleingelassenen in der Dunkelheit der Verwahranstalt anzudeuten scheint.
- Die ersten Portraits von Geisteskranken werden ThĂ©odore GĂ©ricault zugeschrieben, der in der SalpĂȘtriĂšre zwischen 1821 und 1824 von zehn Patienten zu wissenschaftlichen Zwecken Bilder anfertigte, wenngleich nicht mehr bekannt ist, welche Formen des Wahnsinns die Bilder darstellen sollten. Da sich die Krankheit in den GesichtszĂŒgen widerspiegeln sollte, hebt die Lichtregie besonders die Physiognomie hervor. GĂ©ricault stellt nicht mehr das unmĂ€Ăig Verzerrte oder Groteske in den Mittelpunkt, sondern seine subtilen Darstellungen lassen offen, wo die Grenze zwischen NormalitĂ€t und Wahnsinn liegt.
- Darstellungen von Narren gehören nur teilweise und am Rande zum Themenkreis des Wahnsinns. Ăberschneidungen ergeben sich bisweilen bei den Attributen, an denen sich zum Teil auch Wahnsinnige erkennen lassen. Diese werden oftmals nicht nur in zerrissener oder schmutziger Kleidung dargestellt, sondern manchmal auch â um einen besonderen Kontrasteffekt zu erzielen â Ă€hnlich den Narren mit Herrschaftszeichen ausgestattet, etwa Krone und Szepter, die auch deutlich als Attrappen kenntlich gemacht sein können. Das Motiv der âWelt als Narrenhausâ ist eine weitere bildlich ausgestaltete Variante.
Siehe auch den Abschnitt Bildliche Darstellungen im Abschnitt ĂŒber Symptome.
Bearbeiten Beispiele aus der Literatur
In der Literatur stellt der Wahnsinn ein wichtiges Motiv dar, auch als MotivfĂŒgung der âWelt als Tollhausâ. Das Handlungsschema von Schuld und SĂŒhne wird oftmals mit Hilfe des Wahnsinns maĂgeblich gestaltet. Er ermöglicht den Aufbau der pathologischen Entwicklung, eine plausible Darstellung der ungezĂŒgelten Leidenschaften und ungehemmten Auftritte und den psychologisch begrĂŒndeten Zusammenbruch einer Figur. Zugleich kann die Reaktion unterschiedlicher Personen auf die Konfrontation mit dem Wahnsinn gezeigt werden. Dieses Motiv kann den Leser bzw. Zuschauer gleichzeitig weitgehend in die Handlung verwickeln und trotzdem eine gewisse innere Distanz wahren lassen. Im Allgemeinen werden nur selten schwerste Geistesstörungen â die wenig Entwicklungsmöglichkeiten zulassen â dargestellt, sondern vielmehr SinnestĂ€uschungen, âHysterieâ, Rauschdelirien oder pathologische Langeweile.
Die Zuschreibungen fĂŒr die Ursachen des Wahnsinns in den literarischen Darstellungen folgen in der Regel den jeweiligen historischen Auffassungen. In konservativer Sicht bleibt der Wahnsinn bis ins 19. Jahrhundert die Strafe fĂŒr Verfehlungen, seit der AufklĂ€rung ist er auch Konsequenz ungezĂŒgelter Leidenschaften, mit der FrĂŒhromantik tritt die auĂer Kontrolle geratene kĂŒnstlerische GenialitĂ€t als mögliche Ursache hinzu. Ab dem 19. Jahrhundert finden sich erste ârealistischeâ Studien des Krankheitsbildes bei Ămile Zola, August Strindberg und Gerhart Hauptmann. Im absurden Theater ist der Wahnsinn schlieĂlich die Verfassung der Welt selbst, die ohne jede vernĂŒnftige Sinndeutung zu sein scheint (z. B. Jean Genets Der Balkon). FĂŒr die Protagonisten kann dies auch bedeuten, den Un-Sinn einer Sinn-Gebung ihres Daseins zu erkennen.
Aus den zahllosen Werken der Literatur kann hier nur eine kleine Auswahl genannt werden. Zu den Ă€ltesten Darstellungen des Wahnsinns zĂ€hlt der bereits erwĂ€hnte Iwein des Hartmann von Aue. William Shakespeare verwendet den Wahnsinn als Gestaltungsmittel mehrfach, am eindrĂŒcklichsten ist die monomane Besessenheit im Macbeth. Im satirischen Narrenschiff des Sebastian Brant werden die Menschen gleichsam vom kollektiven Wahnsinn der Gesellschaft angesteckt; in Ă€hnlicher Weise werden in Erasmus von Rotterdams Lob der Torheit gesellschaftliche ZustĂ€nde gegeiĂelt. Typische Vertreter der Romantik sind zum Beispiel E. T. A. Hoffmann mit der Darstellung des Medardus in den Elixieren des Teufels, des Nathanael im Sandmann oder des RenĂ© Cardillac im FrĂ€ulein von Scuderi, sowie Bonaventura mit der Problematik einer bösartige Weltverfassung bzw. eines wahnsinnigen Weltschöpfers in den Nachtwachen. Die LebenslĂ€ufe einzelner HandlungstrĂ€ger in einer als absurd empfundenen Welt in den Wahnsinn hinein finden sich bei Georg BĂŒchners Lenz, Dostojewskis Der DoppelgĂ€nger und in einigen ErzĂ€hlungen Kafkas (je nach Interpretationsansatz u. a. Das Urteil, Ein Landarzt, Die Verwandlung). Eher gesellschaftskritisch sind die Schilderungen der ZustĂ€nde in den Pflegeanstalten wie etwa am Beginn von Georg Heyms Der Irre.
Die wichtigste Funktion erfĂŒllt der Wahnsinn als literarisches Motiv aber als Kennzeichnung des Endzustands einer Figur nach deren geistigen Zusammenbruch aufgrund unertrĂ€glicher psychischer Belastungen. In Miguel de Cervantes' Roman Don Quijote gibt es fĂŒr den Helden keine Lösungsmöglichkeit zwischen Wirklichkeit und Illusion, Shakespeares König Lear zerbricht an seiner ausweglosen Situation, Othello ist durch seine Eifersucht verblendet; die Problematik des KĂŒnstlers zerreibt Goethes Torquato Tasso ebenso wie Aschenbach in Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig bzw. den Protagonisten in Doktor Faustus. SchuldgefĂŒhle treiben Hauptmanns BahnwĂ€rter Thiel in die geistige Umnachtung ebenso wie Gretchen im Faust; aber auch Armut und Hunger können die Menschen um den Verstand bringen (z.B. in John Steinbecks FrĂŒchte des Zorns, zur gesellschaftlichen Problematik s.a. Allen Ginsbergs Howl).
Vergleiche auch den Abschnitt Literarische Beschreibungen im Abschnitt ĂŒber Symptome.
Bearbeiten Siehe auch
- Wahn als psychopathologisches Symptom
- Amok, Anti-Psychiatrie, Art Brut, CĂ€sarenwahnsinn, Massenhysterie
- Die Kunst-Sammlung Prinzhorn in Heidelberg
Bearbeiten Quellenangaben
- â Jörg Mildenberger, Anton Trutmanns 'Arzneibuch', Teil II: Wörterbuch, WĂŒrzburg 1997, V, S. 2229
- â Hartmann von Aue: Ăwein. vv. 3231â3238; Quelle: http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/12Jh/Hartmann/har_iwei.html#3201
- â Georg Heym: Der Irre. Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/heym/dieb/irre1.htm
- â Zur Auffassung Platons vgl. Phaedr. 244 a - 245 a, 265 a - 265 b, Tim. 86 b
- â Franz Werfel: Das Lied von Bernadette. Bertelsmann, Frankfurt 1953. Seite 281
Bearbeiten Literatur
Kulturgeschichte
- Burkhart BrĂŒckner: Delirium und Wahn. Selbstzeugnisse, Geschichte und Theorien von der Antike bis 1900. Bd. 1: Vom Altertum bis zur AufklĂ€rung. Bd. 2: Das 19. Jahrhundert - Deutschland. Guido Pressler Verlag, HĂŒrtgenwald 2007, ISBN 978-3-87646-099-4 (Neues, sehr umfangreiches Werk mit Schwerpunkt auf autobiographischen Zeugnissen und der Geschichte der Psychosen).
- Roy Porter: Wahnsinn. Eine kleine Kulturgeschichte. Dörlemann, ZĂŒrich 2005, ISBN 3-908777-06-2 (Ein leicht lesbarer kulturgeschichtlicher Streifzug, verfasst von einem ausgewiesenen Experten; manchmal etwas oberflĂ€chlich)
- Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. 14. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2001, ISBN 3-518-27639-5 (Der âKlassikerâ, groĂe Erkenntnistiefe, aber auch subjektiv-suggestiv und mit kritischem Abstand zu wĂŒrdigen)
- Michael Kutzer: Anatomie des Wahnsinns. Geisteskrankheit im medizinischen Denken der frĂŒhen Neuzeit und die AnfĂ€nge der pathologischen Anatomie. Pressler, HĂŒrtgenwald 1998, ISBN 3-87646-082-4 (Wissenschaftsgeschichtliche, quellenorientierte Untersuchung der Theorien zwischen etwa 1550 und 1750)
- Klaus Dörner: BĂŒrger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie. 3. Aufl. EuropĂ€ische Verlags-Anstalt, Frankfurt a. M. 1995, ISBN 3-434-46227-9 (Solide Darstellung der VerhĂ€ltnisse in der âbĂŒrgerlichen Zeitâ, ca. 1700â1850)
- Robert Castel: Die psychiatrische Ordnung. Das Goldene Zeitalter des Irrenwesens. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1979 u. ö., ISBN 3-518-28051-1 (Systematische, psychiatrie- und gesellschaftskritische Untersuchung der Strukturen zwischen 1784 und 1838)
- Werner Leibbrand, Annemarie Wettley: Der Wahnsinn. Geschichte der abendlÀndischen Psychopathologie. Alber, Freiburg u. a. 1961. (UmfÀngliche medizingeschichtliche Gesamtschau, etwas veraltet)
- H. HĂŒhn: Wahnsinn. In: Joachim Ritter, Karlfried GrĂŒnder (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 12, S. 36â42. (Die philosophische Perspektive; sehr dicht, schwierig)
- Rudolf Hiestand: Kranker König â kranker Bauer. In: Peter Wunderli (Hrsg.): Der kranke Mensch in Mittelalter und Renaissance. Droste, DĂŒsseldorf 1986, S. 61â77, ISBN 3-7700-0805-7
Literatur
- Josef Mattes: Der Wahnsinn im griechischen Mythos und in der Dichtung bis zum Drama des fĂŒnften Jahrhunderts. Winter, Heidelberg 1970, ISBN 3-533-02116-5, ISBN 3-533-02117-3
- Allen Thiher: Revels in madness. Insanity in medicine and literature. Univ. of Michigan Press, Ann Arbor, Mich. 1999, ISBN 0-472-11035-7 (Chronologisch aufgebaute Abhandlung ĂŒber die Verbindung von Wahnsinn und Literatur von den alten Griechen bis zur Gegenwart)
- Wahnsinn. In: Horst S. Daemmrich, Ingrid G. Daemmrich: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. 2. Aufl. Francke, TĂŒbingen u. a. 1995, S. 333â336, ISBN 3-8252-8034-9, ISBN 3-7720-1734-7 (Kurze, aber sehr erhellende Darstellung der Rolle des Wahnsinnsmotivs in der europĂ€ischen Literatur)
- Dirk Matejovski: Das Motiv des Wahnsinns in der mittelalterlichen Dichtung. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 3-518-28813-X
Bildende Kunst
- Fritz Laupichler: Madness. In: Helene E. Roberts (Hrsg.): The encyclopedia of comparative iconography. Themes depicted in works of art. Bd. 2. Dearborn, Chicago 1998, S. 537â544. ISBN 1-57958-009-2 (Ăbersicht ĂŒber die Ikonographie des Wahnsinns, mit einer umfĂ€nglichen Liste von Kunstwerken)
- Franciscus Joseph Maria Schmidt, Axel Hinrich Murken: Die Darstellung des Geisteskranken in der bildenden Kunst. AusgewĂ€hlte Beispiele aus der europĂ€ischen Kunst mit besonderer BerĂŒcksichtigung der Niederlande. Murken-Altrogge, Herzogenrath 1991, ISBN 3-921801-58-3 (Problemorientierte Einzelbesprechungen ausgewĂ€hlter Kunstwerke mit Einordnung in die historischen Kontexte)
- Miriam Waldvogel: Wilhelm Kaulbachs Narrenhaus (um 1830). Zum Bild des Wahnsinns in der Biedermeierzeit. (= LMU-Publikationen / Geschichts- und Kunstwissenschaften; Nr. 18). Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t, MĂŒnchen 2007 (Volltext)
- Birgit Zilch-Purucker: Die Darstellung der geisteskranken Frau in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Melancholie und Hysterie. Murken-Altrogge, Herzogenrath 2001, ISBN 3-935791-01-1 (Aufschlussreiche Untersuchung des Problemfeldes Wahnsinn und Weiblichkeit)
Bearbeiten Weblinks
- Irren-Geschichte â Zum Wandel des Wahnsinns (Diplomarbeit von Gertraud Egger)
- Zur Geschichte der psychiatrischen Behandlungsverfahren von Prof. H. J. Luderer
- Ist der Irre krank? â Geschichtliche Entwicklung von Frank Wilde
- Materialien zur Geschichte der Psychiatrie an der Brown University (englisch)
