Das Parteiensystem eines Staates umfasst die einzelnen politischen Parteien, ihre Eigenschaften und das Beziehungsgeflecht zwischen ihnen. Schon zur Entstehungszeit der ersten Parteien wurden ErklĂ€rungen dafĂŒr gesucht, weshalb es (unterschiedliche) Parteien gibt und weshalb sich gerade ein spezifisches Parteiensystem in einem Land zu einer gewissen Zeitperiode ausgebildet hat.
In den modernen demokratischen Systemen geschieht die WĂ€hlermobilisierung und Konfliktverarbeitung ĂŒber den Parteienwettbewerb. Das Parteiensystem ist Teil des intermediĂ€ren Systems, in dem Vermittlungsleistungen zwischen WĂ€hlern und Regierungssystem erbracht werden mĂŒssen. Die Systemfunktion des Parteiensystems ist daher zuvorderst die StabilitĂ€t des politischen Systems zu gewĂ€hrleisten, insbesondere durch die Bewerkstelligung notwendigen politischen Wandels, zur Anpassung an sich Ă€ndernde Rahmenbedingungen.
Das augenfĂ€lligste Kennzeichen und Unterscheidungsmerkmal zwischen Parteiensystemen ist die Anzahl der (relevanten) Parteien. Danach wurden unterschieden: Ein-, Zwei-, Mehr- und Vielparteiensysteme, und noch weitere Konstruktionen, wie z. B. das so genannte Zwei-Einhalb-Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland zwischen etwa Ende der 1950er Jahre bis zum Aufkommen der GrĂŒnen Anfang der 1980er Jahre.
Die ideologische Distanz zwischen den Parteien, und damit die (Un-) Möglichkeit eine gemeinsame Regierungskoalition zu bilden, ist ein weitere wichtige Eigenschaft eines Parteiensystems. Es herrscht zwar noch keine Einigkeit ĂŒber alle relevanten Eigenschaften, doch kann man mindestens sieben unterscheiden: Fragmentierung (Parteienanzahl), Asymmetrie (GröĂenverhĂ€ltnisse), VolatilitĂ€t (GröĂenĂ€nderungen zwischen Wahlen), Polarisierung (ideologische Distanz), LegitimitĂ€t (Akzeptanz durch Bevölkerung), Segmentierung (Abschottung der Parteien bezĂŒglich Koalitionsbildung) und RegierungsstabilitĂ€t (Dauer der Regierungskoalitionen).
Die Frage, weshalb sich gerade ein bestimmtes Parteiensystem entwickelt hat, wurde in der Ă€lteren institutionalistischen Parteienforschung mechanistisch durch das existierende Wahlsystem erklĂ€rt. So besagt etwa Duvergers Gesetz konsequent gedacht, dass es unter einem absoluten Mehrheitswahlrecht zur Ausbildung eines Zweiparteiensystems kommt (Westminster-System). Dies ist allerdings selbst fĂŒr das namensgebende Beispiel GroĂbritannien kaum jemals erfĂŒllt gewesen (heute z. B. Liberal Party und Scottish National Party). Die institutionelle Sicht ist allerdings fĂŒr Diktaturen und LĂ€nder, in denen das AusmaĂ der Repression eine freie Parteienbildung und -entwicklung behindert, ausschlaggebend.
Unter den Bedingungen moderner liberal-demokratischer Systeme, wie sie heute vorwiegend und vor allem in den westlichen IndustrielĂ€ndern vorherrschen, ist die Bildung von Parteien und ihre Teilnahme an Wahlen in der Regel sogar verfassungsrechtlich garantiert. Dabei hat sich gezeigt, dass mehr noch als das Wahlsystem, die Sozialstruktur mit ihren gesellschaftlichen Konfliktlinien, die existierenden Gesellschaftsmilieus und die dominierenden Interessenkonstellationen der BĂŒrger fĂŒr die Herausbildung und ErklĂ€rung von Parteiensystemen bestimmend sind.
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Bearbeiten Eigenschaften von Parteiensystemen
(Wie kann man sie beschreiben und unterscheiden?)
Parteiensysteme lassen sich grob nach zwei Unterscheidungsmerkmalen unterscheiden: Strukturell, d. h. nach der Zahl der Parteien, oder nach den Verhaltensmustern, insbesondere den angewandten Konfliktstrategien und den ideologischen Distanzen. Um zu einer genaueren Beschreibung zu gelangen, kann man die Parteien als Teil des intermediĂ€ren Systems und ihre Aufgaben darin, bezĂŒglich Wahlen und Regierung, betrachten. Damit lassen sich auch in den Eigenschaften von Parteiensystemen eine elektorale und eine gouvernementale Dimension unterscheiden. Zu den Eigenschaften gehören Fragmentierung, Asymmetrie, VolatilitĂ€t, Polarisierung und LegitimitĂ€t (elektoral) bzw. Segmentierung und RegierungsstabilitĂ€t (gouvernemental) innerhalb des Parteiensystems.
Bearbeiten Fragmentierung
Die Fragmentierung, d. h. der Grad der Zersplitterung oder Konzentration der Parteienlandschaft, war einer der ersten benutzten Typologisierungsmerkmale. Ein reines AbzÀhlen der existierenden Parteien wirft aber zwei Probleme auf.
- Kleinstparteien, die nur wenige Mitglieder haben oder nur wenige Wahlstimmen auf sich versammeln können, sind fĂŒr die Beurteilung der Funktion eines Parteiensystems irrelevant, sollten beim abzĂ€hlen also nicht berĂŒcksichtigt werden (Deutschland hĂ€tte sonst nicht 5 relevante Parteien, sondern viele Dutzende). Aber wo ist die Grenze zu ziehen? HĂ€ufig wird sie bei 2 % der WĂ€hlerstimmen angesetzt. Dies genaue GröĂe bleibt aber trotz gewisser PlausibilitĂ€t letztlich willkĂŒrlich.
- Auch nach der Wahl einer Relevanzuntergrenze bleibt das Problem, dass in ihrer GröĂe sehr unterschiedlich Parteien gleich gezĂ€hlt und gewichtet wĂŒrden. Die Parteienfragmentierung eines Landes mit zwei etwa gleichstarken Parteien (Zweiparteiensystem) wĂŒrde ebenso mit â2â gezĂ€hlt wie das Parteiensystems einer Schein-Demokratie mit einer Partei mit zum Beispiel ĂŒber 90 % und einer zweiten gerade um die 5 %. Das wĂ€re aber ein nichts sagender Indikator.
Deshalb wird neben der reinen Anzahl der Parteien auch ihr unterschiedliches Gewicht berĂŒcksichtigt. Oft geschieht dies mittels der so genannten âeffektiven Parteienanzahlâ. Diese ist gleich der tatsĂ€chlichen Anzahl, wenn alle Parteien gleich groĂ sind (z. B. jede von 2 Parteien besitzt 50 % oder von dreien 33 %), wird aber nahezu 1, wenn die Dominanz einer Partei sehr groĂ ist (z. B. eine Partei ĂŒber 90 %). Damit kann auch vermieden werden, dass eine notwendige, aber letztlich immer willkĂŒrlich bleibende, ParteimindestgröĂe das Ergebnis verfĂ€lscht.
Bearbeiten Asymmetrie
Hiermit beschreibt man das GröĂenverhĂ€ltnis der beiden gröĂten Parteien. Diese sind in der Regel auch die Hauptkonkurrenten um die Stellung der Regierungsmehrheit, und stellen damit auch die wichtigsten Exponenten ihres jeweiligen politischen Lagers dar (z. B. SPD fĂŒr das âlinkeâ Lager und CDU fĂŒr das konservative Lager in Deutschland). Hiermit kann auch geklĂ€rt werden, ob eine Partei wegen ihres gröĂeren lĂ€ngerfristigen WĂ€hlerpotentials, ĂŒber strukturelle Vorteile bei der Erlangung der Regierungsmacht verfĂŒgt.
Bearbeiten Polarisierung
FĂŒr die StabilitĂ€t eines Regierungssystems ist gerade auch die prinzipielle Einigungsmöglichkeit und KompromissfĂ€higkeit der politischen Gruppen nötig. Um dies zu erfassen wurde von Sartori der Grad der Polarisierung der Parteien erfasst, der die ideologische Distanz zwischen ihnen zum Ausdruck bringt. Dazu werden die einzelnen Parteien durch Dokumentenauswertung, Expertenbefragung oder BevölkerungseinschĂ€tzungen (welche erstaunlicherweise meist identische Ergebnisse zeitigen) ideologisch positioniert, meist entlang einer Rechts-Links-Skala. Als aussagekrĂ€ftige GröĂe kann dann die Distanz zwischen den beiden âextremstenâ Parteien dienen, oder eine mittlere Distanz unter Einbeziehung aller Parteien.
Sartoris Klassifizierung von Parteiensystemen nach der ideologischen Polarisierung
- Zweiparteiensysteme sind ein Idealtypus der kaum je in der RealitĂ€t vorkommt. Selbst GroĂbritannien, Kanada oder Neuseeland, als klassische Beispiele des Westminstermodells (mit eigentlich nur 2 Parteien), waren nur insofern Zweiparteiensysteme, als sie versuchten an der abwechselnden Regierungsstellung, durch eine der beiden groĂen Parteien, ohne Koalition festzuhalten.
- Im gemĂ€Ăigten Pluralismus haben die relevanten Parteien oft nur eine geringe ideologische Distanz, neigen zur polaren Koalitionsbildung und bevorzugen den zentripetalen Wettbewerb. Man kann dabei aber drei Untertypen unterscheiden:
a) alternierende Regierung ohne Koalition möglich (GB, Kanada, Ăsterreich bis in 1990er);
b) Regierung nur mit Koalition möglich (Australien, BRD);
c) Koalitionen der Mitte oder groĂe Koalitionen, oft als tolerierte Minderheitsregierung (Benelux-Staaten, Skandinavien auĂer Finnland, Schweiz). - Der polarisierte Pluralismus, welcher sich durch eine hohe Parteienzahl und einer groĂen ideologischen Distanz untereinander und zum politischen System selbst auszeichnet, ist heute kaum mehr vom gemĂ€Ăigten Pluralismus zu scheiden. Die Grenze wurde von Sartori noch zwischen fĂŒnf bis sechs Parteien verortet. Heute sind aber vor allem echte Antisystemparteien kaum mehr aufzufinden. Daher sollte auch dieser Typ unterteilt werden:
a) polarisierter Pluralismus mit Fundamentalopposition von rechts und links (Weimarer Republik, Zweite Spanische Republik);
b) mit regierungsfÀhigen Mitteparteien (Frankreich, Israel, Finnland, Italien, Spanien) - Systeme mit einer dominanten Partei, die meist die Regierung bildet und nur durch eine Koalition (fast) aller anderen Parteien abgelöst werden kann/könnte (viele EntwicklungslÀnder, Mexiko, Bayern).
Bearbeiten VolatilitÀt
Ein Parteiensystem kann relativ statisch, oder sehr verĂ€nderbar und wandlungsfĂ€hig sein. Mit der VolatilitĂ€t versucht man die StĂ€rke der VerĂ€nderungen der ParteigröĂen, ĂŒber ihre WĂ€hlerstimmen zwischen z. B. zwei aufeinander folgenden Wahlen zu erfassen. In der vergleichenden Analyse werden nach dem sog. âPedersen-Indexâ die Gewinne aller Parteien bei einer Wahl im Vergleich zur vorangegangenen Wahl summiert; die Verluste werden nicht beachtet, da sich sonst die Rechnung aufhebt. Somit sind zwar keine Aussagen ĂŒber den individuellen WechselwĂ€hler möglich, wohl aber eine Bewertung der VerĂ€nderungsdynamik des Systems insgesamt.
Bearbeiten LegitimitÀt
Eine weitere wichtige Systemeigenschaft ist die LegitimitĂ€t des Parteiensystems in den Augen der BĂŒrger. Nach systemtheoretischen Ăberlegungen im Anschluss an Easton, dĂŒrfen dabei nicht die Verhaltensweisen der BĂŒrger, wie z. B. die Wahlbeteiligung, als MaĂstab genommen werden, sondern nur die Orientierungen und Einstellungen der Menschen zum gesamten Parteiensystem. Die Messung dieser so genannten diffusen SystemunterstĂŒtzung geschieht daher ĂŒber reprĂ€sentative Bevölkerungsumfragen. âDiffusâ ist dabei besser als eine nur âspezielleâ SystemunterstĂŒtzung, die sich nur auf einzelne Elemente bezieht, wie z. B. nur Zustimmung zu einzelnen Gesetzesinitiativen, bei gleichzeitig möglicher Ablehnung des (Parteien-) Systems als Ganzem.
Bearbeiten Segmentierung
Die Segmentierung des Parteiensystems beschreibt eine der zwei Eigenschaften, die zur regierungsbildenden Funktion und Dimension des Parteiensystems gehören. Damit ist das AusmaĂ der Abschottung der Parteien untereinander bezĂŒglich möglicher Koalitionsbildungen gemeint. Eine Erfassungsmöglichkeit ist, die politisch nicht möglichen Koalitionen gegen die theoretisch vorhandenen Möglichkeiten zu gewichten.
Bearbeiten RegierungsstabilitÀt
Viele politische Entscheidungen mĂŒssen lange vorbereitet werden, gerade innerhalb von Koalitionsregierungen. Daher ist zur StabilitĂ€t des politischen Systems als Ganzem auch ein gewisses MindestmaĂ an StabilitĂ€t der einzelnen (Koalitions-)Regierungen notwendig. Dies kann erfasst werden durch die durchschnittliche Dauer von Regierungskonstellationen.
Bearbeiten ErklÀrung der Entwicklung von Parteiensystemen
(Weshalb hat sich gerade ein bestimmtes Parteiensystem herausgebildet und wie entwickelt es sich weiter?)
Auf die Entwicklung politischer Parteien wirken zum einen politisch-institutionelle Rahmenbedingungen, wie die Art des Regierungssystems (parlamentarisch vs. prÀsidentiell, föderativ vs. unitarisch) und besonders des Wahlrechts. Zum anderen wird die historische Entwicklung und die sozialstrukturelle Basis zur ErklÀrung herangezogen.
Bearbeiten Institutionelle AnsÀtze (Wahlsystem)
Hierunter fallen AnsĂ€tze die das Parteiensystem in einem Land aus den bestehenden Regelungen zum Wahlsystem zu erklĂ€ren versuchen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Unterscheidung zwischen Staaten mit Mehrheitswahlrecht und solchen mit VerhĂ€ltniswahlrecht. Das Mehrheitswahlrecht begĂŒnstigt danach die Konzentration der WĂ€hlerstimmen auf zwei Parteien, wohingegen das VerhĂ€ltniswahlrecht eine Vielzahl von Parteien unterstĂŒtzt. In der Regel gewinnt eine Partei oder eine vor der Wahl bestimmte Koalition eine regierungsfĂ€hige Mehrheit. Die relative Mehrheitswahl hemmt die Zersplitterung des Parteisystems und belohnt ZusammenschlĂŒsse von WĂ€hlergruppen. Neue Parteien können sich unter dem Mehrheitswahlrecht nur Ă€uĂerst mĂŒhsam etablieren. Es bilde sich tendenziell ein Zweiparteiensystem heraus.
Empirisch ist die Lage zwar komplizierter, als theoretische Annahme kann sie aber plausibel begrĂŒndet werden. Nach Duvergers Gesetz wird in einem Wahlsystem mit relativem Mehrheitswahlrecht (z. B. GroĂbritannien, USA) ein Zweiparteiensystem entstehen, weil unter diesen Bedingungen die Stimmen innerhalb eines Wahlkreises, die fĂŒr die Verlierer (alle ĂŒbrigen, auĂer dem mit den meisten Stimmen) abgegeben werden, die Sitzverteilung im Parlament nicht beeinflussen, mithin verloren sind. Um seine Position ĂŒberhaupt im Parlament vertreten zu sehen, ist es aus WĂ€hlersicht also rational einer gröĂeren Partei, die zumindest gewisse Aussichten hat den Wahlkreis zu gewinnen, seine Stimme zu geben. Durch diese Bevorzugung grösserer Parteien durch den WĂ€hler, besteht auch ein Anreiz fĂŒr die sich zu Wahl stellenden politischen Gruppierungen sich zu verbinden und WĂ€hlerallianzen zu schlieĂen. Nur so haben dann auch Minderheitenpositionen eine Chance im Parlament vertreten zu sein. Dieses Verbinden dauert, konsequent zu Ende gedacht, so lange an, bis sich in einem solchen Wahlsystem nur noch zwei Parteien zur Wahl stellen. Diese können durchaus wechselnde WĂ€hlerallianzen umfassen, womit dann auch die notwendige AnpassungsfĂ€higkeit an sich verĂ€ndernde gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, gewĂ€hrleistet werden kann.
Mit der Einordnung nach Zwei- und Vielparteiensystemen sind auch Vorstellungen verbunden, wonach erstere nach dem englischen Westminster-Modell stabile Regierungen und hĂ€ufige Regierungswechsel hervorbringen wĂŒrden. Es bestehe ein intensiver, konfliktreicher Wettbewerb und ein klares ideologisches und soziales Profil zwischen der âlinkenâ und der ârechtenâ Partei. In dem sich unter VerhĂ€ltniswahlrecht ergebenden Vielparteiensystem, existiere dagegen ein heilsamer Zwang zu Kooperation und Kompromiss. Die politischen Systeme der Schweiz, der Niederlande oder Ăsterreichs sind deshalb durch ein Konkordanzsystem gekennzeichnet. Politik wird dort weniger durch Mehrheits-, sondern mehr nach Einstimmigkeitsregeln entschieden.
Die real existierende Vielfalt von Parteien zeigt allerdings, dass das Wahlsystem als alleinige Variable zur ErklÀrung der Parteienkonstellation nicht ausreicht. Auch in LÀndern mit Mehrheitswahlrecht bilden sich hÀufig mehr als zwei bedeutsame Parteien (z. B. Scottish National Party und Liberals im Ursprungsland des Westminster-Modells). Die Konzentration ist dabei umso ausgeprÀgter, je niedriger das gesellschaftspolitische Konfliktniveau eines Landes ist. Lediglich die meist tatsÀchlich höhere durchschnittliche Parteienzahl in Wahlsystemen mit VerhÀltniswahlrecht kann durch diesen Mechanismus erklÀrt werden.
Bearbeiten Sozialstrukturelle AnsÀtze
In den gegenwÀrtig existierenden Parteien haben sich nach diesen AnsÀtzen, die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und sozio-politischen Konfliktlinien um die Bildung moderner Staaten niedergeschlagen und erhalten. AbhÀngig von der Rolle, die die gesellschaftliche Spaltung zwischen Kapital und Arbeit, die Spannungen zwischen industriellem und agrarischem Sektor oder die religiösen und ethnischen Konflikte spielten, haben sich auch verschiedene Parteiensysteme und soziale Milieus herausgebildet.
Bearbeiten Konfliktlinien (cleavages)
Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan haben in den 1950er/60er Jahren ein einflussreiches Entwicklungsmodell fĂŒr Parteien entworfen. Dabei sind Parteien der Ausdruck von sozialstrukturellen Konfliktlagen (cleavages). Neben dem Klassenkonflikt (cleavage âArbeit versus Kapitalâ) existieren auch noch historische Konflikte wie âStadt vs Landâ, âZentrum vs Peripherieâ und âKirche vs Staatâ sowie als Weiterentwicklung, insbesondere durch Ronald Inglehart, der cleavage âPostmaterialismus vs Materialismusâ.
Bei geschichtlich frĂŒhzeitiger Lösung dieser Konflikte gibt es keine Notwendigkeit fĂŒr das Entstehen eigener Parteien (z. B. England). Dauern aber Konflikte lĂ€nger an und ĂŒberkreuzen sich, so ist eine vermehrte Parteibildung wahrscheinlich (z. B. Weimarer Republik). Solche zersplitterten Parteisysteme erschweren die Kompromiss- und Mehrheitsbildung.
FĂŒr das westeuropĂ€ische Parteiensystem diagnostizierten Lipset und Rokkan ein Einfrieren der Parteiensysteme von den 1920er bis in die 1960er Jahre. Eine erklĂ€rbare Ausnahme bildete u. a. die Bundesrepublik. Doch auch hier war die cleavage-Theorie anwendbar: âStadt vs Landâ war zwar durch die NachkriegsmobilitĂ€t verwischt, aber âArbeit vs Kapitalâ blieb brisant zwischen dem bĂŒrgerlichen Lager aus CDU/CSU und FDP gegenĂŒber der SPD. âReligiös vs SĂ€kularâ war hingegen aktuell zwischen CDU/CSU gegenĂŒber SPD und FPD. Die treuesten StammwĂ€hler, ebenso wie die aktiven Parteimitglieder, kamen aus gut beschreibbaren sozialen Gruppen (SPD-gewerkschaftlich, nicht kirchlich orientiert; CDU/CSU-kirchlich gebunden aus dem Mittelstand; FDP-kirchlich ungebunden, aus bĂŒrgerlichem, altem Mittelstand).
Das Aufbrechen der Berufsstruktur seit den 1960er Jahren (weniger Arbeiter, mehr Dienstleistungen, Angestellte und Beamte) und das Erstarken postmaterialistischer Orientierungen (Wertewandel seit den 1970er Jahren) macht die Zuordnung von Konfliktlinien und Parteien immer fragwĂŒrdiger. FĂŒr die 1990er Jahre in der BRD haben Flanagan und Kitschelt als neue bedeutsame Konfliktlinien diagnostiziert: âMarktfreiheit vs Soziale Gerechtigkeitâ und âautoritĂ€rer vs libertĂ€rerâ Gesellschaftsauffassung. Zudem vermutete Kitschelt, dass sich die gesamtdeutsche Parteienkonkurrenz entlang einer Diagonale von Sozial-libertĂ€rer Politik bis hin zu Neoliberal-autoritĂ€rer Politik sortieren lasse. TatsĂ€chlich konnten Neugebauer und Stöss empirisch diese BĂŒndelung der beiden Konfliktdimensionen zeigen (siehe Grafik). Knapp 90 Prozent der Befragten lieĂen sich so einordnen. Die restlichen 11,5 Prozent Ă€uĂerten sich politikverdrossen und nicht entlang weiterer Konfliktlinien. Die so zusammengefasste Konfliktlinie bezeichnen sie als âsozial-libertĂ€r vs neoliberal-autoritĂ€râ. Trotz erheblicher Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland (zum Teil innerhalb der Parteien gröĂer als zwischen den Parteien innerhalb eines Landesteils), kann man entlang dieser neuen Achse, die Einstellungen der ParteianhĂ€nger ordnen.
Bearbeiten Sozial-moralische Milieus
Mario Rainer Lepsius schlug 1966 eine Theorie vor, welche speziell auf das deutsche Parteiensystem von der ReichsgrĂŒndung 1871 bis zur Weimarer Republik zielte. Die besondere StabilitĂ€t des deutschen Parteiensystems beruhte danach auf der engen Verbindung von Parteien mit geschlossenen Sozialmilieus. Die Parteien sind dabei auf ihre traditionellen Milieus fixiert und auĂer Stande neue WĂ€hlergruppen anzusprechen. Dadurch werden die bestehenden Konfliktlinien auch immer wieder aufs Neue durch die WĂ€hlermobilisierung der Parteien stabilisiert. Lepsius unterschied fĂŒr die von ihm untersuchte Zeitspanne 4 sozialmoralische Milieus: das katholische (Zentrum), das konservativ-protestantische auf dem Land (Konservativ), das protestantisch-bĂŒrgerliche in den StĂ€dten (Liberale) und das sozialdemokratische Sozialmilieu unter den Arbeitern und Handwerkern (Sozialisten und Kommunisten).
Wichtiger als die konkrete Differenzierung ist dabei Lepsiusâ Idee, dass diese Milieus auf vorpolitische soziale Ordnungsgebilde zurĂŒckgehen und so eine eigene politisch-soziale Subkultur entwickelten. Erst die Schlussphase der Weimarer Republik fĂŒhrte zur Auflösung des ĂŒber 60 Jahre stabilen Parteiensystems. Insbesondere die NSDAP, gewissermaĂen die erste âVolksparteiâ im folgenden Sinne, sammelte ehemals verschiedenste soziale Gruppen unter einem Dach (dennoch ist das Wort Volkspartei denkbar unangemessen, da wohl nie eine Partei deutlicher gemacht hat, dass sie weder gedenkt fĂŒr das Wohl des ganzen Volkes da zu sein, noch nach dem geĂ€uĂerten Willen des Volkes sich richten wolle, da das vermeintliche Wohl ja in der nationalsozialistischen Ideologie beinhaltet sei).
Trotz weitgehender Auflösung dieser starken Verbindungen zwischen Milieu und Partei, wurde doch immer wieder nachgewiesen, dass in einigen Regionen auch weiterhin mit einigem Recht von sozialmoralischen Milieus gesprochen werden kann. So ĂŒberdauerte etwa in bestimmten starken Hochburgen des Ruhrgebietes ein gewerkschaftsnahes, sozialdemokratisches Milieu (zumindest bis in die 1990er Jahre) und auch in so manchen lĂ€ndlichen Diasporagebieten SĂŒddeutschlands existieren bis heute starke katholische Sozialmilieus mit Hang zur CDU/CSU.
Die Parteiidentifikation in Deutschland nimmt dabei insgesamt weiter ab, wobei in den 1990er Jahren im Westen eine Stagnation bei der CDU/CSU und ein langsamer RĂŒckgang unter den SPD-WĂ€hlern zu verzeichnen ist. Im Osten gibt es neben dem leichten RĂŒckgang bei der SPD, eine deutliche Zunahme der Parteiidentifikation unter AnhĂ€ngern der PDS und vor allem der CDU. Ursache ist die schwĂ€cher werdende Identifikation von WĂ€hlern aus dem Arbeitermilieu, bei gleichzeitiger Stabilisierung der Identifikation mit christdemokratischer Politik innerhalb der katholischen, bzw. allgemein, der âKirchgĂ€nger-â Milieus in Ost wie West. Das niedrigere Niveau der Parteiidentifikation in Ostdeutschland, erklĂ€rt dabei die geringere Wahlbeteiligung und die höhere VolatilitĂ€t der Wahlergebnisse. AuĂerdem ist in Ostdeutschland die Parteibindung auch weniger sozialstrukturell vermittelt. Eine höhere Identifikation hat einen erheblichen Einfluss auf die Wahl (erklĂ€rt 80â95 % der Wahlentscheidungen). Bei Ostdeutschen ohne Parteibindung hat die Einstellung zum Sozialismus einen groĂen Einfluss auf die Wahlentscheidung. Hierin sind PDS und CDU-WĂ€hler stark polarisiert, wogegen die SPD fĂŒr alle wĂ€hlbar war (in den Wahlen 1998/2002).[1]
Die 8 Sozialmilieus der sinus-Studie von 1984 haben sich zwar in der Soziologie etabliert, sind aber fĂŒr die ErklĂ€rung von Parteien nur schlecht geeignet, da diese Milieus weder trennscharf sind, noch ĂŒberhaupt traditionelle âMilieusâ im Sinne Lepsius sind, in denen gemeinschaftlich agiert oder, mindestens ansatzweise, miteinander kommuniziert wird. Die sozialen Gruppen sind hier nur ĂŒber sozioökonomische und ideologische Merkmale definiert. Eine intensivere Koppelung sei aber in der ânivellierten Mittelstandsgesellschaftâ auch immer weniger zu erwarten, erwidern die BefĂŒrworter dieser Sozialmilieukonstruktion.
Bearbeiten Akteurszentrierte AnsÀtze (Interessen)
Die theoretische Grundlage dieser AnsĂ€tze ist die âĂkonomische Theorie der Demokratieâ von Anthony Downs, welche Parteien als Organisationen zur Stimmenmaximierung auf dem WĂ€hlermarkt auffasst. Dabei handeln sowohl die Mandatssucher, als auch die WĂ€hler ganz unideologisch und versuchen nur ihre je eigenen Interessen durchzusetzen (ihren Nutzen zu maximieren).
Otto Kirchheimer hat bereist 1965 erkannt, dass durch den wachsenden Wohlstand die traditionellen Bindungen und BeschrĂ€nkungen immer lockerer wurden und so die ânivellierte Mittelstandsgesellschaftâ zu einer Entideologisierung (und Entpolitisierung) der WĂ€hler und somit auch der Parteienlandschaft fĂŒhre. Die herkömmliche Massenintegrationspartei, die eine lebenslange (âvon der Wiege bis zur Bahreâ) politische Heimat war, wurde zunehmend von dem auch in den USA vorherrschenden Typus der catch-all-party abgelöst. Solche Allerweltsparteien bieten Politik fĂŒr jeden an, wie ein groĂes Warenhaus, und nennen sich auch oft, diesen Anspruch untermauernd, âVolksparteienâ.
Unter den Voraussetzungen, dass WĂ€hler gemÀà Downs ihren Nutzen maximieren wollen, und dass eine entideologisierte, nivellierte Mittelstandsgesellschaft vorliegt (also die meisten WĂ€hler sich mit ihren politischen Vorstellungen âin der Mitteâ befinden), fĂŒhrt der Stimmenwettbewerb tendenziell zu zwei groĂen Partien, die um die WĂ€hlerstimmen in der Mitte kĂ€mpfen (zentripetaler Wettbewerb). Nur durch ein unideologisches Wahlprogramm kann dieser Kampf um die Mitte der Gesellschaft, nicht zu verwechseln mit gemĂ€Ăigten Ansichten, gewonnen werden.
Auch dieses ErklĂ€rungsmuster ist offenbar allzu einfach. Im Gegensatz zur cleavage-Theorie vermag es weder zu erklĂ€ren, weshalb beispielsweise die FDP sich vom Anspruch eine âVolksparteiâ zu sein verabschiedet hat, noch kann es das Entstehen der GrĂŒnen erklĂ€ren, die nie den Anspruch erhoben haben, eine solche Allerweltspartei zu sein.
Bearbeiten Ausblick und Kritik
Aus systemkritischer Sicht wird bemerkt, dass die in der Politikwissenschaft zur Zeit vorherrschenden ErklĂ€rungsmodelle fĂŒr die Parteiensysteme, massive Defizite bezĂŒglich der BerĂŒcksichtigung von Werten und Interessen haben. Und auch die behauptete Folgenlosigkeit des Parteienwettbewerbs und der Erhalt des Status quo (d. h. des Kapitalismus) durch die Struktur der Parteiensysteme, zu wenig thematisiert werde. Es mĂŒsse vielmehr nach den eigentĂŒmlichen SelektivitĂ€tsmustern und SchlieĂungsprozessen von Parteiensystemen gefragt werden. Allerdings setzt eine solche Kritik ein WissenschaftsverstĂ€ndnis voraus, welches nicht rein deskripitv, sondern auch wertend sein will.
Gerade die Entwicklung der Parteiensysteme in den erst jĂŒngst zu liberal-demokratischen Systemen gewechselten osteuropĂ€ischen Transformationsstaaten wird bezĂŒglich der Herausbildung und Entwicklung von Parteien neue Fragen aufwerfen. Aber auch in den alteingesessenen Demokratien der westlichen IndustrielĂ€nder, bleibt abzuwarten, ob sich der Trend zur entideologisierten und nivellierten Gesellschaft fortsetzt. Oder ob durch die zunehmend auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich â u. a. durch die immer weniger sozial abgefederte wirtschaftliche Globalisierung â und durch die sich möglicherweise selbst erfĂŒllende Prophezeiung des âKampfes der Kulturenâ, vor dem Hintergrund des Israel-PalĂ€stina-Konfliktes, sich nicht doch wieder eine Re-Ideologisierung innerhalb der westlichen Gesellschaften anbahnt. Das Wiedererstarken nationalistischer Parteien in Europa und die deutlichen Wahl- und Agenda-Setting-Erfolge der Republikaner in den USA, durch BĂŒndelung der neokonservativen Ideologie mit dem vereinfachenden Weltbild religiöser Gruppen (so genannte Evangelikale), lassen zumindest einen gegenlĂ€ufigen Trend erkennen.
Bearbeiten Siehe auch
Politisches System, Partei, Wahlsystem, Sozialstruktur, Politische Ideologie
Bearbeiten Einzelnachweise
Bearbeiten Literatur
- Ulrich von Alemann: Das Parteiensystem der BRD, Bonn 2000.
- Klaus von Beyme: Parteien in westlichen Demokratien, MĂŒnchen 1982, S. 309â316.
- Ulrich H. BrĂŒmmer: Parteiensystem und Wahlen, Wiesbaden 2006.
- Maurice Duverger: Die politischen Parteien, TĂŒbingen 1959, S. 215â266.
- Ronald Inglehart: Traditionelle politische Trennungslinien und die Entwicklung der neuen Politik in westlichen Gesellschaften, in: Politische Vierteljahresschrift 24/1983, S. 139â165.
- Ronald Inglehart: The Changing Structure of Political Cleavages in Western Society, in: Russell J. Dalton / Scott C. Flanagan / Paul Allen Beck (Hrsg.): Electoral Change in Advanced Industrial Democracies: Re-alignment or Dealignment?, Princeton 1984, S. 25â69.
- Otto Kirchheimer: Der Wandel des westeuropĂ€ischen Parteiensystems, in: Politische Vierteljahresschrift 6/1965, S. 20â41.
- Herbert Kitschelt: Politische Konfliktlinien in westlichen Demokratien: Ethnisch-kulturelle und wirtschaftliche Verteilungskonflikte, in: Dietmar Loch / Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Schattenseiten der Globalisierung, Frankfurt am Main 2001, S. 418â442.
- Seymour Martin Lipset / Stein Rokkan: Cleavage Structures, Party Systems and Voter Alignments: An Introduction, in: Lipset / Rokkan (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments. New York 1967, S. 1â64.
- Johan A. Lybeck: Is the Lipset-Rokkan Hypothesis Testable?, in: Scandinavian Political Studies 8/1985, S. 105â113.
- Karlheinz NiclauĂ: Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland. Eine EinfĂŒhrung. 2. Aufl. Paderborn: UTB Schöningh 2002.
- Oskar Niedermayer: Das gesamtdeutsche Parteiensystem, in: Oscar Gabriel / Oskar Niedermayer / Richard Stöss (Hrsg.): Parteiendemokratie in Deutschland, Bonn 1997.
- William H. Riker: Duvergerâs Law Revisited, in: Bernard Grofman / Arend Lijphart (eds.), Electoral Laws and Their Political Consequences. New York 1986, S. 19â42.
- Stein Rokkan: Staat, Nation und Demokratie in Europa, Frankfurt am Main 2000, S. 332â412.
- Giovanni Sartori: Parties and Party Systems. A Framework for Analysis, Cambridge 1976, S. 119â216.
- Steven B. Wolinetz: The Transformation of Western European Party Systems Revisited, in: West European Politics 2/1979, S. 4â28.
Bearbeiten Weblinks
- Lijphart Elections Archive
- Elections and elctoral Systems around the world
- Diversification and Reconfiguration ofParty Systems in Postindustrial Democracies
- Kai Arzheimer: Wie entwickelt sich die Parteiidentfikation seit 1990?
- Franz Urban Pappi / Susumu Shikano: Ideologische Signale in den Wahlprogrammen der deutschen Bundestagsparteien 1980 bis 2002 (Working paper)
- Zwischenauswertung der Bundestagsabgeordentenbefragung 2003/04
